Stimmt die Stimme, stimmt die

(Ver-)Bindung

Anmerkungen einer Stimmexpertin

Stimme be-stimmt die Stimm-ung. Die Stimme eines Menschen bringt ihn in Verbindung mit seiner Außenwelt.
Die Stimme gehört zur Grundausstattung des Menschen. Jeder kommt auf die Welt und hat eine Stimme mit „im Gepäck“ (Behinderungen ausgenommen). Die Stimme ist da, um sich zu äußern, sie ist ein Ausdrucks-Tool, sie muß richtigerweise aus uns HINAUS und zu jemandem HINÜBER gesendet werden. Gleichzeitig sind Stimme und Sprechweise oft unvertraut und in ihrer kommunikativen Wirkung unterschätzt. Vor allem in der Business-Welt befassen Menschen sich mehr mit dem, WAS sie zu sagen haben, als mit dem WIE sie etwas sagen. Zuhörer merken sich aber fast niemals genau, welche Wörter jemand zu ihnen sagt. Sie werden sich IMMER merken, in welche Stimmung sie kamen, als sie mit dem Betreffenden zusammen waren.
VERBINDUNG schaffen ist für den Menschen ein lebenserhaltender Faktor, Bezug zu anderen Wesen biologisch notwendig. Das lebenslange, tiefe Bedürfnis nach Verbundenheit ist im Gehirn als Überlebensmechanismus seit der Verbundenheit mit der Mutter über die Nabelschnur gespeichert. Babies müssen rasch nach ihrer Geburt ein anderes Lebewesen erreichen und bewirken, dass es reagiert und sie versorgt. Sonst ist das Leben in Gefahr. Für die Natur war ein optisches Signal nicht erfolgversprechend genug. Bis jemand das Baby im Urwalddickicht sah… Da war meist das Raubtier schon schneller!
Der Schall einer menschlichen Stimme breitet sich in ALLE Richtungen aus, 360 Grad. Kinder lassen hohe Töne erschallen. Diese werden gerichtet wahrgenommen. Die Chance, auch im Dschungel gehört zu werden, ist dadurch hoch. Für ein Baby sind 30 Minuten Durchbrüllen kein Problem. Das Kind ist dann müde vor lauter Anstrengung – aber niemals heiser. Das sind bereits eindeutige Hinweise, wann eine Stimme ihre Aufgabe wirklich erfüllt.

+ Verbindung schaffen: Komme ich auch wirklich an?
+ Klangfülle: Raumfüllend und präsent klingen.
+ Ökonomie: minimaler Kraftaufwand bei größtmöglicher Wirkung.

„Mmmammaaa, Ballllliiii“, alle hörbaren Äußerungen des Kindes sind seit seinem Sprechbeginn stets auf Verbindung ausgerichtet. Kinder tönen und sprechen nicht nur selbstbezogen. Jeder Mensch, der diese Zeilen lesen kann, hat erfahren, wie Stimme Verbindung schafft. Sie oder er konnten mit ihrer Stimme ein ganzes Einfamilienhaus um zwei Uhr in der Nacht hellwach bekommen. Sie oder er haben ihre Töne hören lassen – Onkel Fritz brachte ihnen die Cola, Tante Liese die Schokolade.
Im Business-Leben wird das augenzwinkernd ein bisschen anders ausgedrückt: Ich möchte gerne meine Inhalte wohlfeil verpackt, motivierend und überzeugend zu anderen Menschen transportieren. Wozu? Damit diese tun, was ich gerne hätte: Produkte bestellen, Aufträge geben, Dienstleistungen ordern, Projekte umsetzen, Verträge abschliessen etc.
Das Sprechen „in Verbindung“ ist ein DIALOG. Dabei empfindet der Hörer das Gefühl, man wendet sich an ihn, auch wenn er natürlich je nach Setting nicht wirklich verbal antwortet. Das Sprechen „ohne Verbindung“ ist ein MONOLOG. Der Eindruck entsteht: Ich spreche, die/der andere siehst mir beim Sprechen zu. Ich liefere Infos ab und hoffe, sie kommen an.
Stimme schafft Verbindung, und die fühlen Menschen mehr, als dass sie sie hören. „Wer nicht hören will, darf fühlen“ – das abgewandelte Sprichwort drückt aus, wie sich diese beiden Sinne gegenseitig ergänzen und vertreten können. Das Auge spielt dabei keine Rolle.
Zahlreiche Menschen haben im Verlauf ihres sprechenden Lebens die Fähigkeit der Stimme, sich mit den Hörern in Verbindung zu bringen, verloren: „Kind, sprich leise! Sprich lauter! Mach den Mund auf beim Reden! Kinder reden nur, wenn sie gefragt werden! Sprich in ganzen Sätzen! Unterbrich mich nicht! Sag nicht ICH! Red‘ nicht mit vollem Mund! Sprich in ganzen Sätzen! Schön sprechen! Solche Wörter sagt man nicht! Mädels pfeifen nicht! Melde Dich, ehe Du was sagst! Erst denken, dann reden! Etwas sachlicher bitte! Schau mich an beim Reden! Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! Du kannst nicht singen, geh lieber zum Sportverein!“
Lauter „wohlgemeinte“ Hinweise, dass mit der eigenen Sprechweise, mit dem Sprechenden angeblich etwas nicht stimmt. Da beschließen viele Menschen innerlich, nicht mehr GERNE zu sprechen.

Stimme wirkt, auch wenn man sie nicht sehen kann

Drei Viertel aller Sinneseindrücke nehmen Personen in unseren Breitengraden heutzutage über die Augen wahr; dabei haben Menschen sieben Sinne! In der optisch überbetonten Geschäftswelt wird die Wirkung der Sprechweise schlichtweg unterschätzt. Schallwellen sind ja nicht zu sehen…
Stimme wirkt körperlich: „Ich spreche zu Ihnen hier Räusper einige belanglose Sätze Räusper Smalltalk übers Wetter Räusper und bei jeder möglichen Pause Räusper und bei jedem Punkt Räusper, wenn der nächste Satz anfängt Räusper, schicke ich Räusper ein festes Räuspern mit.“ Es ist fast sicher, dass der Leser auch einen Frosch im Hals hat oder schlucken muss. Das gleiche passiert, wenn der Redende lange Sätze macht, ganz schnell spricht und immer spricht, bis ihm fast die Luft ausgeht. Der Zuhörende bekommt ebenfalls Stress beim Atmen.
Weiteres Beispiel: ein Redner mit Lampenfieber. Je nervöser der Vortragende am Pult ist, umso unwohler fühlen sich seine Zuhörer, weil sie den flauen Magen „übernehmen“, die feuchten Hände, die zittrigen Knie und den trockenen Hals.
Dieses Phänomen wird im Fachjargon „motorischer Mitvollzug“, „interne Simulation“ und beim Atmen auch noch „psychorespiratorischer Effekt“ genannt. Der Zuhörer vollzieht in seinem eigenen Körper die Sprechweise des Redners mit.
Das ist eine vielleicht verblüffende Einsicht…

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Autorin Ingrid Amon

Ingrid Amon

Ingrid Amon gilt als profilierteste Stimmexpertin im deutschsprachigen Raum mit zwanzig Jahren Erfahrung als Sprecherin und Moderatorin beim ORF und fast dreißig Jahren als Trainerin für Sprechtechnik, Rhetorik und Präsentation. Die gebürtige Österreicherin ist Gründerin des Instituts für Sprechtechnik in Wien, Mitglied des Austrian Voice Institute und Präsidentin des Europäischen Netzwerkes www.stimme.at. Sie schrieb das meistverkaufte Buch zum Thema Stimme im deutschsprachigen Raum: „Die Macht der Stimme“.