Geschichte der Mitarbeiterbindung seit der Antike

Von der Sklavenarbeit zur Gig-Economy

Welches der sieben Weltwunder entstand ohne die Verwendung von Sklaven? Die Pyramiden von Gizeh definitiv nicht, und bei den anderen – seien es die Hängenden Gärten der Semiramis in Babylon oder der Koloss von Rhodos – ist es äußerst wahrscheinlich, dass auch sie nur durch den Einsatz von Sklavenarbeit ins Dasein kamen. Plakativ geschrieben gilt der Satz: Ohne Sklaverei keine Hochkultur!
Wer, bezogen auf die Antike, von Mitarbeitern spricht, der spricht von Sklaven. Sicher, es gab in den Jahrtausenden zwischen dem frühen Ägypten der Pharaonen (2.000 v. Chr.) und dem späten Römischen Reich (4. Jahrhundert nach Chr.) auch freie Arbeiter, die sozusagen als Freelancer auf eigene Rechnung arbeiteten, nicht selten sogar Seite an Seite mit Sklaven. Dies gilt z.B. für das Griechenland zur Zeit des Gesetzgebers Solon. Durch seine Reformen im 6. Jahrhundert v. Chr. wurden Arbeiter, die in den Zustand der Unfreiheit geraten waren, weil sie sich mit ihrem Körper verkauften, um Schulden zu begleichen, in einem Generalschuldenerlass wieder befreit. Dennoch gehörten diese freien Arbeiter im Handwerk und in der Landwirtschaft eher zu einer Minderheit. Eine Zahl aus dem Athen der Zeit um 300 v. Chr. macht dies deutlich: Die Stadt hatte 21.000 freie Bürger, 10.000 Zugezogene und 400.000 Sklaven. Dies mag eine extrem hohe Zahl sein, doch grobe Schätzungen gehen sowohl in griechischer wie in römischer Zeit davon aus, dass zwischen einem Fünftel und einem Viertel aller Bewohner Sklaven waren.
Eine Anekdote macht die Omnipräsenz von Sklaven in der Antike deutlich. Als im römischen Senat darüber debattiert wurde, ob Sklaven, um sie identifizieren zu können, eine besondere Kleidung tragen sollten, gab es sehr schnell ein Einsehen, dass dies keine so gute Idee sei. Mit der Begründung, auf diese Weise würde den Unfreien erst richtig ihre numerische Stärke ins Bewusstsein gebracht, war der Vorschlag schnell vom Tisch.

Gründe für ein Dasein als Sklave

Der Verkauf des eigenen Körpers zur Tilgung von Schulden war einer der Wege, um seine Freiheit zu verlieren. Die zahlenmäßig größten Gruppen bestanden jedoch aus denjenigen, die als Verlierer in kriegerischen Auseinandersetzungen versklavt wurden, und aus denen, die als Nachkommen von Sklaven von Geburt an in den Zustand der Unfreiheit gelangten. Weiter gab es Kinder, die ausgesetzt und von ihren „Rettern“ verkauft wurden, sowie verurteilte Kriminelle, die meist die besonders gefährlichen und körperlich anstrengenden Arbeiten in den Bergwerken zu verrichten hatten oder an die Ruderbänke der Galeeren gekettet wurden.
Schon diese Unterschiede machen deutlich, dass in der Antike Sklave nicht gleich Sklave war. Allein das Umfeld, in dem der Sklave seinen Dienst verrichtete, machte einen großen Unterschied.
In einem Werk über die Landwirtschaft warnte der römische Autor Columella (gest. um 70 n. Chr.) seine Leser davor, Arbeiter für den eigenen Hof aus den städtischen Haushalten herauszukaufen, denn „das ist eine unbekümmerte und verschlafene Sorte von Sklaven, die an Müßiggang, Sportplätze, Zirkus, Theater, Würfelspiel, Kneipen und Bordelle gewöhnt, immer von demselben Schnickschnack träumt. Haben sie diese Gewohnheiten einmal in das bäuerliche Leben verpflanzt, dann erwächst dem Besitzer Schaden am ganzen Betrieb.“
Diese Passage zeigt, dass Sklaven in der Stadt während des römischen Kaiserreichs durchaus an den Lustbarkeiten teilnahmen, die den Menschen damals geboten wurden. Das wiederum war nur möglich, wenn sie auch über gewisse Freiheiten verfügten, Freizeit hatten und zumindest etwas Taschengeld. Sklave, das zeigt dieses Beispiel, entsprach also nicht unbedingt dem weitverbreiteten Klischee von einem Menschen in Ketten, dem unmenschliche physische Anstrengungen abverlangt wurden. Wohlgemerkt, auch diese Form des Sklavendaseins gab es, aber sie war nur eine von sehr vielen unterschiedlichen Ausprägungen.
Dass Sklaven die von Columella beschriebenen Vergnügungen genießen konnten, hing natürlich in erster Linie von denen ab, denen sie gehörten. Es mag überraschen, dass es in der Literatur der damaligen Zeit überhaupt um das Thema Sklaverei ging. Noch überraschender ist, dass das Thema Motivation die damaligen Autoren beschäftigte. Was musste getan werden, damit ein Sklave seinen Dienst verrichtete – mit dieser Frage beschäftigte sich eine Reihe antiker Autoren.

Fürsorge auch für die Sklaven

Der römische Schriftsteller Seneca, ein Zeitgenosse Columellas, stellte ausdrücklich fest, dass das Verhältnis Herr/Sklave ein Thema der Philosophie sei. Die Grundversorgung der Sklaven mit Kleidung und Nahrung sei eine Selbstverständlichkeit. In der 47. seiner Episteln verlangte er von den Besitzern der unfreien Menschen, dass sie diese freundschaftlich, ja respektvoll zu behandeln hätten. Das würde die Sklaven dazu motivieren, ihren Herren treu zu dienen. Es gebe aber noch einen weiteren, viel wichtigeren Grund für Fürsorglichkeit vonseiten des Herren: Sklaven seien Menschen, und sie seien – genau wie ihre Herren – dem Schicksal unterworfen. Daraus ergebe sich, dass buchstäblich jeder in Sklaverei geraten könne.
Der berühmte Redner Cato bezog im 1. Jahrhundert v. Chr. neben seinen engsten Angehörigen auch seine Sklaven in seine Gebete mit ein. Diese sehr persönliche Geste entsprach den damals geltenden Anforderungen an einen „diligens pater familias“, an einen fürsorglichen Familienvater. Der lateinische Begriff der „familia“ bezog sich nicht allein auf Eltern und ihre Kinder; für diese Konstellation gab es in der Weltsprache Latein überhaupt keinen Ausdruck. Stattdessen bestand eine Familie immer aus den Blutsverwandten und den unfreien Dienern in einem Haushalt. Folglich gab es in der Fürsorgepflicht des Familienoberhaupts keine Unterscheidung zwischen Kernfamilie und Angestellten.
Inwieweit kann dieses Modell auch auf die moderne Arbeitswelt Übertragung finden? Es muss ja nicht gleich das Einbeziehen der MitarbeiterInnen in die Gebete sein, aber Ratgeber für Personalverantwortliche sind sich darin einig, dass ein persönliches Interesse der Führungskräfte bindend wirkt. Und an der Grundwahrheit – Angestellte sind Menschen – kommt auch zwei Jahrtausende nach Seneca kein Manager vorbei.

Sklaven und Commitment

So viele Dokumente die Pflichten der Sklavenbesitzer beschrieben, so wenig wissen wir von den Sklaven selbst. Wie empfanden sie ihr Dasein? Wie sehr fühlten sie sich an ihre Herrschaft gebunden? Da es der Mehrheit der Sklaven unmöglich war, sich schriftlich zu äußern, es ihnen außerdem, selbst wenn sie es gekonnt hätten, nie in den Sinn gekommen wäre, ihre Gedanken für die Nachwelt zu dokumentieren, fehlen schriftliche Zeugnisse darüber. Was aber möglich ist: aus dem von ihren Herren selbst oder von Zeitgenossen, die als Historiker oder Chronisten das Leben festhielten, auf das Commitment zu schließen. Das soll im Folgenden an einigen Beispielen geschehen.
Den Anfang machen die Bergwerkssklaven. Der griechische Historiker Diodor (Diodorus Siculus) schrieb im 1. Jahrhundert v. Chr. über sie: „Die Bergwerkssklaven bringen ihren Herren unglaublich hohe Gewinne, selbst aber sind sie Tag und Nacht in unterirdischen Stollen und zerrütten ihre Gesundheit; viele sterben infolge unerträglich harter Arbeitsbedingungen. Denn keine Unterbrechung oder Erholungspause gewährt man ihnen bei ihrer Arbeit, im Gegenteil werden sie von ihren Aufsehern unter Schlägen gezwungen, in ihrer äußerst harten Arbeit fortzufahren, und so werfen sie in ihrem Unglück ihr Leben fort.“ Aus der Tatsache, dass eine Reihe von ihnen eigenhändig ihr Leben beendeten, zeigt sich in radikalster Weise das Fehlen jeglicher Bindung. Es gibt nicht einmal ein – gemäß dem Bindungsforscher Jörg Felfe (siehe Beitrag S.10) sogenanntes – rationales oder kalkulatorisches Commitment. Die Verzweiflung war bei diesen Sklaven so groß, dass ihnen auch bei einer einigermaßen nüchternen Betrachtung der Umstände kein Ausweg aus ihrer Misere möglich schien. In einem letzten, gleichzeitig radikalsten Akt des Widerstands entziehen sie ihre Arbeitskraft dem Herren und nehmen sich das Leben.

Formen des Widerstands

Unter diesen zutiefst Verzweifelten fanden sich auch diejenigen, die – wenn sich die Gelegenheit bot – ihre Herren oder die von ihnen eingesetzten Aufseher umbrachten. Das kam einem indirekten Selbstmord gleich, denn die Täter blieben, wenn sie gefasst wurden, in den seltensten Fällen am Leben. Von anderen Formen des Widerstands, die einen Mangel an Bindung verraten, geben die Quellen reichlich Auskunft. Vonseiten der Herren gibt es eine unendliche Litanei über ihre unzuverlässigen Bediensteten. Da ist von geringeren Vergehen wie Trödelei, Arbeitsschwänzen, kleineren Betrügereien und Diebstählen die Rede bis hin zum Anrichten großer Schäden z.B. durch Brandstiftung. So- lange ihnen nichts nachgewiesen werden konnte, blieben diese Handlungen für die Sklaven relativ ungefährlich. Gleichzeitig bot sich ihnen auf diesem Wege die Gelegenheit, ihren Frustrationen Ausdruck zu verleihen.
In der Diktion Jörg Felfes, Professor für Arbeitspsychologie, bedeutet dieses Verhalten ein Commitment, das allenfalls kalkulatorisch war. Die Sklaven taten, was nötig war, machten so viel, dass sie sich nicht als offene Arbeitsverweigerer zu erkennen gaben, und versuchten darüber hinaus so viele „kleine Fluchten“ aus ihrem Zustand der Unfreiheit wie möglich. Ein solches Vorgehen ist keineswegs überraschend und führte dazu, dass die Forschung sich darüber Gedanken machte, ob das System der Sklaverei ökonomisch überhaupt lohnend war. Bei einer geringen Motivation musste die Leistung der Sklaven weit hinter der von solchen Arbeitern zurückfallen, die auf „eigene Rechnung“ arbeiteten, deren Existenz von einer sauber ausgeführten Arbeit abhing, die sich selbst versorgen und um eine Unterkunft kümmern mussten. Diese Freien brauchten auch keine permanente Aufsicht, sie bekamen ihre Anweisungen und konnten dann alleine gelassen werden, denn sie wussten: Wenn mein Brotherr nicht zufrieden ist, dann bleibt mein Geldbeutel leer!

Ideen zur Motivation von Sklaven

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Vielzahl von antiken literarischen Zeugnissen, in denen es um die Frage nach der Motivation von Sklaven durch ihre Herren geht. Da ist von verschiedenen Anreizen die Rede, von einer guten Unterbringung z.B. Schon im 4. Jahrhundert vor Christus empfahl der griechische Philosoph Xenophon den Besitzern von Sklaven die Errichtung von Unterkünften, die im Winter warm und im Sommer kühl waren. Außerdem sollte den Sklaven die Gründung von Familien nicht verweigert werden. Weiter sollten sie bei guter Arbeit Extraportionen zu essen bekommen, bessere Kleidung und Schuhwerk erhalten. Besonderes Augenmerk legte Xenophon auf diejenigen Sklaven, die als Verwalter auf den Besitzungen ihrer Herren eingesetzt wurden. Sie sollten, um effektiv arbeiten zu können, vor allem eine sehr gute Ausbildung bekommen. Einmal in leitender Funktion, so die Empfehlung Xenophons, sei es vonseiten der Herren ein motivierendes Zeichen des Vertrauens, die Verwalter bei strittigen Fragen in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Materiell müsse sich die größere Verantwortung auszahlen: Xenophon schlug eine Gewinnbeteiligung der Verwalter am Ertrag der von ihnen geführten landwirtschaftlichen Betriebe vor. All dies zeigt, dass Motivationsstrategien keine Erfindung des 20. Jahrhunderts sind.
In der Antike wurde tatsächlich ein solches Management durch Incentives angewandt, wie sich nachweisen lässt. Ja, es zeigt sich, dass in einigen Fällen das höchste denkbare Incentive, nämlich die Erhebung eines Sklaven in den Stand eines freien Bürgers, als Lohn für treuen Dienst vergeben wurde. Marcus Antonius Pallas war Sklave der Antonia, der Mutter des späteren Kaisers Claudius (regierte von 41-54 n. Chr.). Sie schenkte ihm für seine treuen Dienste die Freiheit. Er stieg zu einem der engsten Berater des Claudius auf, wurde Verwalter der kaiserlichen Finanzen und brachte es zu einem großen Vermögen; die Rede ist von 15 Milliarden Sesterzen (ein Sesterz entsprach einem Viertel Denar, der Denar wiederum repräsentierte ungefähr den Tageslohn eines Arbeiters). Dieser Reichtum wurde Pallas zum Verhängnis…

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Autor Olivier Meyer

Olivier Meyer

  • Studium Geschichte und Literaturwissenschaft in Kiel
  • freier Journalist u.a. für die Süddeutsche Zeitung, Stern, art
  • Trainer der Führungsakademie Sylt