Rudelbindung – Was Menschen von Wölfen lernen können

Funktionsweise erfolgreicher Teams

Kaum ein Tier ist Grundlage für so viele Mythen, wie der Wolf. Die Ureinwohner oder First Nation in Nordamerika verehrten den Wolf vor allem deshalb, weil sie durch intensive Beobachtung erkannten, dass sie viel von ihm lernen konnten; übrigens nennen sie den Wolf noch heute „Bruder“. In ihrer Kultur haben nicht nur Jagdstrategien, sondern auch das soziale Zusammenleben viel mit den Wölfen gemeinsam: die Autorität der Mutter z.B. oder den grossen Respekt vor Eltern und „Elders“ (die aufgrund ihrer Erfahrung „Weisen“). Letztere sind bis zu ihrem Lebensende in der Großfamilie integriert bzw. werden bei wichtigen Entscheidungen befragt, ihre Weisheit und Erfahrung berücksichtigt. Die Elder ruhen in sich und äußern sich nur dann, wenn sie befragt werden, heißt, wenn ihnen Respekt gezollt und zugehört wird, oder sie es zum Wohl der Gruppe für nötig halten.
Das uralte Wissen um die Ähnlichkeit sozialen Lebens bei Wölfen und Menschen wird bestätigt durch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft. Damit ändert sich die Sichtweise von Menschen der westlichen Kultur auf den Wolf – allerdings nur sehr langsam. Noch immer geistert der Werwolf-Mythos durch die Welt, empfinden Menschen eine irrationale Angst vor dem „bösen Wolf“. Selbst bei soziologischen Forschungen mit wissenschaftlichem Anspruch aus den vergangenen Jahrzehnten hält sich hartnäckig die These von Alpha- und Beta-Wölfen, von niederen Rängen bis hin zum Omega-Wolf. Ein ganz aktuelles Beispiel ist das Buch „Der Wolf – wild und faszinierend“ von Shaun Ellis (2017).
Glücklicherweise malen andere Wolfsforscher, wie Elli H. Radinger, die mit über 10.000 Wolfssichtungen in über 20 Jahren zu den renommiertesten Wolfsforschern gehört, ein wesentlich differenzierteres Bild von seinem wahren Wesen und der sozialen Struktur der Wölfe. Dieses Bild stützt sich maßgeblich auf langjährige Beobachtungen von freilebenden Wölfen z.B. in Nationalparks der USA. Die Führungsprinzipien in einem Wolfsrudel beschreibt Radinger anschaulich anhand eines Erlebnisses im Lamar Valley von Yellowstone: „Zwölf Wölfe zogen durch das Tal. An der Spitze die kräftigen ein- und zweijährigen Rüden. Sie pflügten durch den hohen Schnee einen Pfad, der dem Leitpaar wertvolle Energie sparte. Weiter hinten schlenderten einige der Jungweibchen wie auf einer Einkaufstour. Am Ende trödelten mit etwas Abstand die Kleinen herum, die damit beschäftigt waren, an einer spannenden Stelle zu schnuppern oder ein paar Raben zu ärgern. Plötzlich blieben alle wie auf Kommando stehen und schauten in eine Richtung. Ich folgte ihren Blicken, konnte aber nichts sehen. Offenbar hatten die Wölfe eine mögliche Gefahr entdeckt. Der letzte Jungwolf hatte jetzt auch kapiert, was los war, nachdem er heftig auf seinen bereits stehenden Bruder geprallt war. Es herrschte eine deutliche Anspannung. Jetzt traten die vorderen Wölfe zur Seite und schauten sich nach den Leitwölfen um. Diese setzten sich an die Spitze und liefern ohne zu zögern weiter. Die Gruppe reihte sich hinter ihnen ein. Selbst die Kleinen waren nun aufmerksam und ließen sich nicht mehr ablenken…“ Elli H. Radinger sah in dieser Episode eine Demonstration vorbildlichen Führungsverhaltens: „Kein Dominieren, kein Plattmachen, keine Aggression, sondern stille Autorität und die Übernahme von Verantwortung.“ (Elli H. Radinger, Die Weisheit der Wölfe: Wie sie denken, planen, füreinander sorgen. Erstaunliches über das Tier, das dem Menschen am ähnlichsten ist. München 2017)

Harmonie innerhalb der Familie

In neueren Forschungen werden Rudel- und Alphaprinzip ersetzt durch Wolfsfamilie und Führen aus Erfahrung. Radinger unterstreicht, was Führungskräfte von den Wölfen lernen können, die im Rudel eine leitende Funktion haben: „Grundsätzlich gilt, dass eine Führungspersönlichkeit über mentale Stärke verfügen sollte und über soziale Intelligenz, um von den Gruppenmitgliedern ernstgenommen zu werden. Ranghohe Tiere bemühen sich stets um eine freundliche Grundstimmung und Harmonie innerhalb der Familie. Diese fördern den Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl. Gestandene Leittiere haben es nicht nötig, ständig gegen irgendwen zu dominieren, denn sie strahlen eine natürliche Autorität aus.“
Wenn ein Wolfsrudel längere Wanderungen macht – in tiefem Schnee oder generell in einem schwierigen Gelände – bewegt es sich typischerweise in einem sog. ‚single file’ vorwärts, also…

Transfer zu Führungskräften

Was kann eine menschliche Führungskraft aus diesem Verhalten lernen? Zunächst einmal braucht jeder Mensch mit Führungsverantwortung mentale Stärke und soziale Kompetenz, damit er von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern akzeptiert werden kann. Sehr schnell spüren die Geführten etwaige Defizite auf Seiten der Führenden. Die Chefin, der Chef fühlt sich nicht an wie eine Chefin, ein Chef. Diplome mögen vorhanden sein, die fachliche Kompetenz nachweisen, alle Insignien der Macht (Auto, Büro, Assistenz) sind verliehen worden, aber wenn im Meeting kritische Nachfragen kommen, verrät die Körpersprache Unsicherheit. Unruhe macht sich breit. MitarbeiterInnen fragen sich, wie sich diese unsichere Person…

Damit ist der Grundstein für den sog. Braindrain gelegt, also den Verlust von Talenten und Fachkräften durch Abwanderung in eine andere Abteilung oder ein anderes Unternehmen. Der Grund liegt in der Verunsicherung, ob die Führungskraft vertrauenswürdig und verlässlich ihrer Aufgabe und Verantwortung nachkommen kann. Kein Diplom- oder Doktortitel dieser Welt kann diese subjektive, von Emotionen getragene Einschätzung ausgleichen.
Es gibt noch ein anderes denkbares Szenario, das ebenso wenig wünschenswert ist. Aufgrund der Schwäche der Führungskraft entsteht…

Temporäre Führungsrolle

An diesem Punkt kann eine Führungskraft viel von einer Wolfsfamilie lernen. „Je nach ihren Fähigkeiten können auch andere Mitglieder einer Wolfsfamilie in bestimmten Situationen temporär die Gruppe anführen. Im heimischen Revier können das sogar Jungwölfe sein. Der Leitwolf bricht sich deshalb keinen Zacken aus der Krone. Trifft ein Wolf aufgrund seiner Erfahrung und…

Diese verlangen aber von den anderen Mitgliedern nicht, es ihnen gleich zu machen, sondern vertrauen darauf, dass jeder die Herausforderung unter Verwendung seiner individuellen Stärke bewältigt (Bsp. Straßenüberquerung: Der Spontane rennt sofort über die Straße, der Überlegte wartet…

Lehren für Führungskräfte

1. MitarbeiterInnen können in ihrem Kernkompetenzbereich temporär die Leitung für ein Projekt übernehmen.
2. Eine Führungskraft kann eine solche temporäre Führungsarbeit durch andere MitarbeiterInnen zulassen und diese Szenarien sogar bewusst herbeiführen. So wird eine Weiterentwicklung von MitarbeiterInnen gefördert. Voraussetzung hierfür ist jedoch…

Zurück zum Wolf. Kann also jeder Wolf in einem Rudel machen, was er will? Elli H. Radinger machte folgende Beobachtung bei einer Wolfsfamilie im Lamar Valley: „Ein Jungwolf trödelte hinterher. Stets gab es etwas Spannenderes zu entdecken und zu beschnüffeln, als beim Rudel zu bleiben. Seine Familie wartete ein paar Mal auf ihn…

Übertragbarkeit auf menschliches Führungsverhalten

Wie lässt sich dies auf den Alltag einer Führungskraft übertragen? Sie gibt der/dem MitarbeiterIn ein klares Ziel vor sowie einen Rahmen, in dem sie selbstständig agieren können (siehe oben erwähntes Beispiel der Überquerung einer Straße durch ein Rudel). Sowohl Entscheidungen als auch Fehler dürfen von der/dem MitarbeiterIn gemacht werden, ohne dass sie/er eine Unterwerfung befürchten müsste. Stattdessen erlebt sie/er selbst die Konsequenz ihrer/seiner Entscheidung und kann mit der Führungskraft zusammen analysieren, wie zukünftig ein optimaleres Ergebnis erreicht werden kann. Wenn MitarbeiterInnen allerdings keinen angemessenen Umgang…

Perfektes Zusammenspiel bei der Jagd

Jeder Teilnehmer der Jagdgesellschaft kann durch Wahrnehmung seiner Aufgaben und perfektes Timing zum Erfolg beitragen. Daher wird im Vorfeld klar das Ziel und die Strategie kommuniziert. Auch während des Angriffs ist es unerlässlich, die Kommunikation auf höchstem Niveau zu halten. Welches Tier der Beuteherde ist körperlich schwach oder mental nicht auf der Höhe und kann von der Herde getrennt werden? Wo kann ein Hinterhalt gelegt werden? Diese Informationen werden fortlaufend von allen Jagdmitgliedern…

Erfolg im Geschäftsleben durch Bindung

Misst man allerdings die Stresspegel von Managern und die von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, lässt sich feststellen, dass sich der Mensch im modernen Berufsleben offensichtlich immer noch in einem existentiellen Kampf befindet. Keine Beutetiere müssen mehr gejagt und erlegt werden…

In solchen Phasen wird die Führungskraft von den Beteiligen volle Konzentration auf die Aufgabe und Ausdauer erwarten. Dies stellt sie durch eine klare und detailreiche Kommunikation sicher. Jedes Teammitglied weiß um seine Aufgabe und erfüllt diese mit der gebotenen Sorgfalt. Ist die „Beute zur Strecke gebracht“, freuen sich alle gemeinsam über den Erfolg, was wiederum…

Wichtig dabei ist, daß sich die einzelnen Mitglieder gegenseitig sehr gut kennen und damit ihre Stärken, Schwächen und Tagesverfassungen abschätzen können. Nur so können sie sich auf die entsprechende Rolle des anderen bei der Jagd verlassen. Das dürfte auch ein Hauptgrund dafür sein…

Kooperation mit Raben

Letzter Aspekt dieses Kapitels über Wölfe ist die Symbiose mit anderen Lebensformen. Insbesondere das Verhältnis zwischen Wölfen und Raben ist bemerkenswert. Zunächst profitieren die Raben von der Jagd der Wölfe. Auf sehr einfallsreiche Weise nerven und ärgern sie die fressenden Wölfe, um ihnen einige Brocken Fleisch abzuluchsen. Wo liegt hier der Nutzen für das Rudel?
Die Raben können ein Revier aus der Luft wesentlich besser überblicken. Finden sie ein verendetes Tier, dann sind sie zumindest im Winter hilflos, denn sie können mit ihren Schnäbeln den bereits steifgefrorenen Kadaver nicht aufbrechen. Also machen sie erheblichen Lärm…

Je unterschiedlicher desto besser

Inwiefern kann diese Beobachtung für Führungskräfte interessant sein? Trotz ihrer offensichtlichen Unterschiedlichkeit profitieren beide Arten voneinander. Natürlich sind Raben wie Wölfe manchmal „genervt“ von der anderen Art. Sie haben aber gelernt die Stärken des Anderen zu nutzen. Beide profitieren auf längere Sicht von dieser Kooperation.
Menschen zeigen oftmals sehr unterschiedliche Verhaltensweisen. Je ähnlicher das Verhalten des Anderen, desto angenehmer ist in der Regel das Miteinander. Dies gilt auch für das berufliche Umfeld. Die größeren Erfolge haben aber die Teams…

Das untenstehende Wolfscredo von Del Goetz beschreibt die Schlüsselfaktoren des sozialen…

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Autorin Gudrun Pflüger

Gudrun Pflüger

Die Österreicherin studierte Biologie in Salzburg. Über ein Jahrzehnt hat sie als Feldbiologin wildlebende Wölfe in Kanada beobachtet. Über ihre Arbeit haben zwei Filme vom NDR und ZDF berichtet. 2012 hat sie im Buch ‚Wolfspirit’ über ihre Erlebnisse auf den Spuren der Wölfe geschrieben. Heute arbeitet Gudrun Pflüger als Large Carnivore Expertin für die internationalen European Wilderness Society www.wilderness-society.org.