Bindungsphänomene bei freilebenden Pferden

Kooperation statt Dominanzverhalten

Es ist ein schwerer Moment für den jungen Hengst. Sein Leithengst hat ihm unmissverständlich klargemacht, dass es jetzt an der Zeit ist, die Familie* zu verlassen. Er begibt sich auf die Suche nach einer Ersatzfamilie. Es dauert nicht lange, und er integriert sich in eine Gruppe von anderen Junghengsten. Sie haben das gleiche Schicksal wie er. In der Familie der Mutterstute werden sie nicht mehr geduldet, aber sie sind noch zu unerfahren, um die Gunst einer Stute zu erhalten, um eine eigene Familie zu gründen.
Die jungen Hengste nutzen die nächsten Jahre, um ihre körperliche Stärke sowie Reaktionsschnelligkeit und Kampftechniken zu perfektionieren. Sie sind sich gegenseitig wertvolle Sparringspartner, ein ernsthaftes Verletzen ist von keinem gewollt. Der junge Hengst hat auch schon zuvor wertvolle Lektionen gelernt. Seit dem Tag seiner Geburt haben seine Mutter, andere ältere Geschwister und der Leithengst zu seiner Entwicklung beigetragen: Nahrung finden, Schlammbäder gegen die Mücken nehmen, den eigenen Platz in der Hierarchie erkennen, soziale Kontakte festigen, Gefahren wahrnehmen und angemessen darauf reagieren. Vieles hat der junge Hengst durch eigenes Ausprobieren herausgefunden; auch dabei erhielt er von seinen Eltern die nötige Freiheit.

Transfer in die Arbeitswelt

Die Herdenstruktur liefert sehr nützliche Beobachtungen, wie Kooperation, Hierarchie und Führung ohne zu großen Aufwand organisiert werden können. Hierbei fällt ins Auge, dass Menschenführung in Organisationen viele Ähnlichkeiten mit der Herdenstruktur erkennen lässt.

Verhalten und Temperament der Führungskraft haben auch in Unternehmen einen starken Einfluss. Eine im Rahmen des Demo-Pik-Projekts (2013 – 2014) durchgeführten Umfrage unter Führungskräften zeigte, dass Führungskräfte in der Regel eine Teamgröße von sechs bis zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als ideal erachten. Gilt es, weitere MitarbeiterInnen zu führen, ergibt sich die Notwendigkeit, eine weitere Hierarchiestufe einzufügen. Insofern besteht selbst ein Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern in der Regel aus Organisationseinheiten mit nicht mehr als zwölf Menschen.
Wo liegen Ähnlichkeiten zwischen einem jungen Leithengst und einer jungen Führungskraft? Junge Führungskräfte benötigen Erfahrungen und Kompetenz, um von anderen Mitarbeitern in ihrer Rolle akzeptiert zu werden. Die Geschäftsleitung eines Unternehmens ist gut beraten, jungen Führungskräften genügend Zeit zu geben, um Schritt für Schritt in die neue Aufgabe hineinzuwachsen. Gleichzeitig sollten die Verantwortlichen im Unternehmen persönlich als Vorbild, Lehrer und Mentor zur Verfügung stehen. Leider ist meist zu beobachten, dass in vielen Fällen der schnellen Einsetzbarkeit eines Mitarbeiters in eine vakante Position eine höhere Priorität eingeräumt wird als der fundierten Ausbildung zur Führungskraft. Dies führt auf längere Sicht zu Problemen, darunter mangelnde Bindung und/oder Leistung der MitarbeiterInnen.

Leithengst und Leitstute

Gesichert gilt, dass der Leithengst sich vor allem um die äußeren Angelegenheiten einer Herde kümmert. Das ist sinnvoll, denn es müssen die Bedürfnisse von teilweise mehr als einhundert Individuen berücksichtigt werden. Daher klären die Leithengste, wo die einzelnen Familien in der Hierarchie stehen. Dies ist notwendig, damit es nicht ständig zu Spannungen kommt, wenn z.B. auf engem Raum viele Tiere gleichzeitig zum Wasserloch kommen, um dort zu trinken, zu baden oder sich im Schlamm zu wälzen. Wiederholte ernste Kämpfe zwischen den Hengsten würden zur Destabilisierung der Familienstruktur führen. So aber ist der unterschiedliche Status bereits im Vorfeld geklärt worden.
Bei der Festlegung der Rangfolge geht es maßvoll zu. Körpersprachliche Signale werden gesetzt, sodass Junghengste in den meisten Fällen einem Konflikt mit einem erfahrenen Leithengst aus dem Weg gehen. Weitere Formen der Hierarchiefestlegung laufen über das Beschnuppern des Körpers und das „Türmebauen“ mit Pferdeäpfeln. Wer „äppelt“ als letztes? Was sagen die Geruchskomponenten über den anderen aus? Dieses wird ausführlich analysiert. Sollte die Auseinandersetzung bis zum direkten Körperkontakt eskalieren, mit Anrempeln, Beißen und Schlagen, so wird eine ernsthafte Verletzung des Gegners in den meisten Fällen vermieden. Eine Auswertung der Auseinandersetzungen von freilebenden Mustangs im Westen der USA ergab, dass nur zwei Prozent aller Hengste so schwere Verletzungen im Zweikampf erlitten, dass sie dauerhaft ihre Rolle als Leithengst verloren.
Welche Rolle hat die Leitstute in einer Herde? Sie ist die zweite Führungskraft mit hoher Verantwortung für die Familie. Im Gegensatz zum Leithengst ist sie für die innere Struktur der Familie zuständig. Sie zieht die Fohlen auf, leitet die Herde zu guten Weiden, zu Wasserlöchern oder – bei extremem Wetter – zu einem geeigneten Schutzraum. Hierbei stehen Leithengst und Leitstute in enger Kooperation und Kommunikation zusammen. Beide sind bereit nachzugeben, wenn der andere entschieden auf eine bestimmte Art der Durchführung drängt. Eine weitere entscheidende Aufgabe der Leitstute: Sie ist immer Mutter, d. h. sie hat den zusätzlichen Aufwand des Austragens der Fohlen sowie des Säugens der jungen Tiere.
Diese Aufteilung der Verantwortungsbereiche zwischen Leithengst und Leitstute bildet die Grundlage für erfolgreiche Führung und damit das Überleben der Herde. Auch innerhalb der Familie haben die Mitglieder einen unterschiedlichen Status. Leithengst und Leitstute stehen an der Spitze, gefolgt von anderen langjährig dazugehörigen Stuten, „Neuzugängen“ und schließlich den Jungtieren.

Transfer in die Arbeitswelt

Beim Zusammenarbeiten vieler Menschen in einer Organisation ist es im Sinne aller, wenn die Anzahl und Intensität von Konflikten möglichst gering gehalten wird, damit gesetzte Ziele überhaupt erreicht werden können. Dies ist im ursprünglichen Sinn der Grund für die Festlegung einer Hierarchie. Ein Aspekt, den Unternehmenslenker mit selbstherrlichen Attitüden außer Acht lassen: Hierarchie soll der Gemeinschaft nützen, nicht der Eitelkeit der Führungskraft schmeicheln. Daher werden reflektierte Führungskräfte Aufgabenbereiche an andere befähigte MitarbeiterInnen delegieren und zulassen, dass auch die in der Hierarchie Untergeordneten mit ihren Ideen zum Erfolg beitragen können.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Individuen unterschiedliche Ansichten zum gleichen Thema haben. Eine Führungskraft ist natürlich von ihrer Sichtweise überzeugt. Wie weit wird die Führungskraft jedoch gehen, um ihre eigenen Überzeugungen durchzusetzen? Wie stark wird sie einen Konflikt eskalieren lassen? Eine Führungskraft disqualifiziert sich, wenn sie in Mitarbeitergesprächen mit relativ belanglosen Themen beginnt, um es dann – aufgehängt an Fehlern, die MitarbeiterInnen in der Vergangenheit begangen haben mögen, – so eskalieren zu lassen, dass am Ende des Gesprächs die Betroffenen darüber nachdenken, das Unternehmen zu verlassen.
Topmanager können von einem Leithengst lernen, eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen und nicht in jedem Fall den Sieg davontragen zu müssen.

Jedes Tier mit eigenem Raum

Wie sieht der typische Tagesablauf eines Pferdes in freier Wildbahn aus? An Sommertagen wird zwei bis dreimal ein Wasserloch zum Stillen des Durstes aufgesucht. Bis zu 16 Stunden frisst das Pferd Gräser und Kräuter mit relativ geringem Energiegehalt. Weil das so ist, benötigt jedes einzelne Tier seinen Raum, in den ein anderes Pferd nur mit Erlaubnis eindringen darf. Marie-Luce Hubert und Jean-Louis Klein beschreiben das in ihrem Buch „Pferde in Freiheit, Mustangs“: „Wenn man Pferde eines Harems beobachtet, stellt man fest, dass sie – mit Ausnahme des Muttertiers und ihres Fohlens – stets einen Abstand von einigen Metern untereinander wahren. Jedes Tier entwickelt sich in einer Art Blase, einem persönlichen Raum, den zu respektieren zum guten Ton gehört. Nur nahe Verwandte oder sehr enge Freunde geben von Zeit zu Zeit ihre individuelle Distanz zueinander auf, sei es um Seite an Seite auszuruhen oder um freundschaftlichen Körperkontakt zu pflegen. Eine Freundschaftsbezeugung führt im Allgemeinen zu einer freundschaftlichen Erwiderung. Die „Blasen“ der Partner können sich also zeitweilig decken. Verletzt hingegen ein anderes Tier oder ein Eindringling diesen persönlichen Raum, wird dieses Verhalten als Provokation verstanden…“

Transfer in die Arbeitswelt

Jeder Mensch hat ein kulturell geprägtes Bedürfnis nach Distanz zum nächsten – auch am Arbeitsplatz. Bei der Gestaltung von Büro und Werkstätten sowie der Nutzung von Arbeitsplätzen sollte eine Führungskraft darauf achten, dass genügend „Ausweichraum“ für alle MitarbeiterInnen zur Verfügung steht. Gleiches gilt für Gesprächssituationen: Die meisten Menschen empfinden es als übergriffig, wenn die Führungskraft in den persönlichen Freiraum eindringt. Im westlichen Kulturkreis hat sich daher eine Entfernung zum Gegenüber von mindestens einer Armlänge etabliert.

Bedürfnis nach sozialer Bindung

Die einzelnen Mitglieder einer Familie suchen die Bindung an Leitstute und Leithengst. Dahinter steckt das instinktive Wissen, dass die Erfahrung der Leitpferde Schutz vor Fressfeinden, Erfolg bei der Suche nach Nahrung und das Finden von soliden Rückzugsorten in Extremwettersituationen bietet. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist das Bedürfnis nach Freundschaft, Vertrauen und Sicherheit. Wildtierbeobachter berichten immer wieder von intensiven Augenblicken voller Harmonie und Frieden, die sie bei der Begleitung von Herdenverbänden gespürt haben. Hierbei ist bislang nicht geklärt, ob die Herde das Bedürfnis nach Freundschaft abdeckt, oder aber die Bindung an die Herde durch Freundschaft gefördert wird oder aber beides zutrifft.
Wie kann die Bindung innerhalb der Herde nachhaltig gestärkt werden? In dem oben zitierten Buch heißt es über die Bedeutung der Fellpflege von Pferden innerhalb einer Familie: „Da die soziale Fellpflege oder das gegenseitige Grooming die affektiven Bindungen unter den Mitgliedern der Gruppe festigt, stellt es einen wesentlichen Faktor des sozialen Zusammenhalts innerhalb des Harems dar. Beteiligt sind zwei, manchmal drei Tiere, die ihre Sympathie zum Ausdruck bringen und ihre Verbundenheit stärken wollen. Die Dauer der gegenseitigen Fellpflege bewegt sich zwischen einigen Sekunden und zehn Minuten…“ Der Rangniedere wendet sich dabei an den Ranghöheren und beginnt mit dem Grooming. Es gibt keine Hierarchiekonstellation, die ein Pferd vom Grooming ausschließt.

Transfer in die Arbeitswelt

Der soziale Zusammenhalt hat in einem Unternehmen ebenfalls eine entscheidende Bedeutung (s. Felfe, affektives Commitment). Einige Orte und Gegebenheiten sind prädestiniert für diese Art der Bindungsstärkung: die Teeküche, die Kantine, Pausenräume, gemeinsame Spaziergänge in der Pause, Ausflüge etc. Daher sollte eine Führungskraft Gelegenheiten schaffen, in der MitarbeiterInnen Persönliches von sich erzählen können, was zur Schaffung eines gegenseitigen Vertrauensverhältnisses und damit zur Bindung entscheidend beiträgt.

Wie sich Pferde verständigen

Die Kommunikation unter Pferden ist zum überwiegenden Teil auf Körpersprache beschränkt. Die Signale sind eindeutig und werden in der Regel von allen Pferden im Herdenverbund verstanden. Ein Leithengst, der seinen Hals absenkt und hierbei seinen Kopf nach vorne streckt (Schwanenhals) signalisiert damit seiner Familie, dass er den Standort wechseln will, um eine größere Distanz zu einem Angreifer oder zu einer anderen Familie herzustellen.
Fohlen und halbwüchsige Tiere verwenden das sog. teeth clapping als Geste der Unterwerfung. Hierbei wird das Maul rhythmisch geöffnet und geschlossen. Diese Geste könnte man so übersetzen: „Ich bin klein und hilflos, nimm Rücksicht auf mich!“ Hiermit soll eine aggressive Reaktion des Gegenübers verhindert werden.
Unwillen drückt ein Pferd durch angelegte Ohren, Schlagen des Halses in Richtung des Kontrahenten, Drehen des Hinterteils in Richtung des Gegenübers bis hin zum Auskeilen mit den Hinterhufen. Dieses wird durch Schnauben und Quietschen bzw. Wiehern begleitet und variiert damit die Aussage der Geste. Das Fletschen der Zähne verstärkt den geäußerten Unwillen und kann schließlich auch zum Austeilen von schmerzhaften Bissen führen, die jedoch im allgemeinen ohne Folgen bleiben. Hengste setzen zudem ihre Vorderbeine beim Ansteigen des Gegners ein.
Sowohl in einer Familie als auch im Herdenverbund werden die geäußerten Gesten einzelner Tiere in der Regel befolgt, insbesondere gilt dieses für Ansagen der in der Hierarchie höher gestellten Mitglieder. Das große Ziel aller Beteiligten ist eine Eskalation rechtzeitig zu begrenzen und durch Kooperation den Frieden im Herdenverbund auf Dauer zu erhalten.

Transfer in die Arbeitswelt

Körpersprache, Mimik und Gestik sowie der Klang der Stimme haben auch bei Menschen eine große Bedeutung in der Kommunikation. Daher achtet eine reflektierte Führungskraft darauf, dass zwischen ihrer sprachlichen Botschaft und der körpersprachlichen Kommunikation kein Widerspruch (Inkongruenz) besteht. Wie geht das? Es ist am besten, offen und ehrlich mit MitarbeiterInnen umzugehen. Wer so kommuniziert, dessen Körpersprache gibt automatisch dieselbe Botschaft wie das Gesprochene wieder.
Wer von seinen Mitarbeitern verstanden und akzeptiert werden will, sendet eindeutige Signale. Insbesondere, wenn der Mitarbeiter eine gegebene Anweisung befolgt und erfolgreich ausgeführt hat, ist es an der Zeit, eine klare und spezifische Anerkennung der Leistung auszudrücken. Macht der Mitarbeiter einen Fehler, kann dieses ebenso klar thematisiert werden. Dabei sollte der Fokus darauf liegen…

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Maria Scharrenberg

Maria Scharrenberg ist Master-Trainerin der Führungsakademie Sylt. Sie analysiert Führungskräfte, macht deren Potenzial sichtbar und fördert deren Freude an Führung.

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Martin Seydell

Martin Seydell leitet die Führungsakademie Sylt. Gespür für Menschen und langjährige Führungserfahrung leiten ihn bei seiner Tätigkeit als Ratgeber. Das Ergebnis sind zukunftsfähige Strategien für Unternehmen.